Die Debatte um Pro und Kontra hormonelle Verhütung spitzt sich seit Jahren zu. Es gibt mindestens genau so viele Artikel über die unnötige „Pillen-Panik“ und die verheerenden Folgen durch das vermehrte Absetzen wie es Artikel über Risiken und Nebenwirkungen der Antibabypille gibt. Bisher habe ich mich über diese verharmlosenden Pro-Pille-Artikel wirklich aufgeregt. Allerdings muss ich feststellen, dass sie zumindest nicht zu 100 % unrecht haben.

In den letzten Monaten bin ich beim Lesen diverser Artikel in den Medien wirklich wütend geworden. So viele Unwahrheiten, Verharmlosungen und wirklich schon absurde „eigentlich ist die Antibabypille durchaus gesund“-Beiträge habe ich wirklich selten gelesen. Und es macht mich jedes mal aufs Neue fuchsteufelswild. Einfach aus dem Grund, weil ein Großteil der Artikel die Tatsachen verdreht und sehr beschönigt. Ganz nach dem Motto „Die Pille erhöht das Krebsrisiko nur minimal“ oder „Nur ein kleiner Teil der Frauen bekommt psychische Probleme„.

Entschuldigt bitte, aber „ein bisschen“ oder „nur wenige“ ist trotzdem zuviel für ein Medikament, das Millionen völlig gesunde Frauen täglich einnehmen. Da gibt es nichts zu beschönigen! Man sagt ja auch nicht, „Das AIDS-Risiko ist bei Sex ohne Kondom ein bisschen erhöht“. Es ist erhöht! Das kann jedem passieren! Ende der Diskussion.

Ohne Pille werden alle Frauen sofort schwanger!

Ein weiterer Dorn in meinen Augen waren bisher Aussagen, die in irgendeiner Form zum Ausdruck brachten, dass wir Frauen ohne Pille oder andere hormonelle Verhütungsmittel sofort schwanger werden. Als gäbe es keine sicheren Alternativen! Als wären wir einfach zu blöd und verantwortungslos. In den meisten Fällen stammen diese Artikel von Männern. Ehrlich gesagt finde ich, man sollte Männern verbieten, darüber zu schreiben. Schließlich schlucken sie das Zeug ja nicht, haben keine Ahnung vom weiblichen Zyklus und noch viel weniger von synthetischen Hormonen und deren Nebenwirkungen.

Und wenn es ganz blöd läuft, werden Tausende von Frauen die Pille absetzen. Es wird daraufhin zu Tausenden ungewollten Schwangerschaften und vielen Schwangerschaftsabbrüchen kommen.

Dieses Zitat stammt aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung. Stundenlang habe ich mich unglaublich aufgeregt, bis mir ein paar Tage später etwas klar wurde. So schlimm dieser Artikel auch ist und so ungern ich das auch zugebe: Ganz unrecht hat der Mann zumindest hinsichtlich einer Aussage allerdings nicht.

Vielen Frauen fehlt der Plan B

Es ist leider eine Tatsache, dass unter allen Frauen, die aktuell die Pille absetzen, durchaus einige noch nicht wissen, wie sie anschließend verhüten möchten. Das führt unweigerlich zu Problemen. In Österreich spricht man schon von gestiegenen Zahlen bei den jährlichen Abtreibungen, und auch hier in Deutschland geht der Trend leider zu diesen „Uuups“-Momenten. In den letzten Tagen habe ich bei einigen Apothekern und Gynäkologen mal nachgehakt, ob sie eine Veränderung wahrnehmen. Und tatsächlich ist es auch für sie spürbar. Apotheker berichten von häufigeren Anfragen nach der Pille danach und einige Gynäkologen von einem erhöhten Aufkommen an „Notfall-Kupferspiralen“.

Eine Entwicklung, die selbst mir als Pillenkritikerin absolut missfällt.

Ich glaube ja, dass eine Verkettung unschöner Umstände zu solchen Situationen führt. Angefangen bei der Tatsache, dass sich viele Frauen einfach zu spät Gedanken um die Verhütung nach dem Absetzen der Pille machen oder die Alternative der ersten Wahl noch nicht passt. Ich kenne beispielsweise aktuell bestimmt 15 Frauen, die darauf warten müssen, bis ihre Gebärmutter sich soweit von der Pille erholt hat, dass die Kupferspirale überhaupt erst eingesetzt werden kann. Was macht man also bis dahin?

Zu diesem Umstand kommt erschwerend hinzu, dass das Wissen um den eigenen Zyklus und die Fruchtbarkeit in unserer heutigen Zeit so gut wie nicht vorhanden ist. Dieses Unwissen ist ein riesiges Problem, denn dadurch halten sich einige schwerwiegende Mythen, die schnell zu einer Schwangerschaft führen können.

Hier ein Auszug aus den gängigsten Missverständnissen

Direkt nach dem Absetzen der Pille kann ich nicht schwanger werden und muss auch erstmal nicht verhüten.
Solange ich nach dem Absetzen keine Menstruation bekomme, bin ich nicht fruchtbar.
Während der Periode kann man nicht schwanger werden.
Ich spüre meinen Eisprung und muss davor und danach nicht verhüten.
Bis meine Kupferspirale eingesetzt wird, passen wir einfach auf.
Ohne regelmäßigen Zyklus kann ich nicht schwanger werden.

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht
…und schon gar nicht vor einer Schwangerschaft!

Das Problem mit der Unwissenheit über die Weiblichkeit, den Zyklus und die Fruchtbarkeit ist nicht wegzureden. Es mag mit absoluter Sicherheit nicht alle Frauen betreffen, die sich gegen hormonelle Verhütung entschieden haben. Aber selbst, wenn es nur ein Bruchteil derer ist, ist es immer noch zu viel. Doch wie kommt es zu dieser Wissenslücke?

Aufklärung in Schulen mangelhaft

Meiner Meinung nach beginnt das Problem schon in der Schule. Sexualkunde, ein von uns allen verabscheutes Fach, weil es in dem jungen Alter einfach sehr unangenehm ist, in gemischten Klassen voller pubertierenden Teenies über Geschlechtsteile und Kondome zu sprechen. Mal abgesehen von der peinlich berührten Stimmung und der daraus resultierenden Scheu, auch mal eine Frage zu stellen, gibt auch der Lehrplan für dieses Fach nicht viel her. Ich habe mir verschiedene Lehrpläne verschiedener Klassen und Bundesländer angesehen und fand es erschreckend, wie oberflächlich diese Thematik bearbeitet wird. In den meisten Lehrplänen finden sich weder detallierte Informationen zum weiblichen Zyklus, noch werden alle Verhütungsmittel bzw. -methoden beleuchtet. Es wird ganz dringend Zeit für einen neuen Lehrplan! Das Konzept des Unterrichts rund um Sexualität, Verhütung und das Wissen um den eigenen Körper muss von Grund auf überholt werden. Update please!

Genau an dieser Stelle setzt übrigens das Projekt „My Fertility Matters“ an! Dieses können sich bundesweit alle Schulen im Rahmen verschiedener Projektwochen zu Nutze machen. Über dieses sexualpädagogische Programm berichte ich demnächst in einem ausführlichen Artikel.

Wenn also alles, was aus dem Unterricht hängen bleibt, „Ein Zyklus hat 28 Tage„, „Kondome verhindern sexuell übertragbare Krankheiten“ und „die Pille ist das sicherste Verhütungsmittel“ ist, woher soll Frau denn das Wissen haben, das sie gerade nach dem Absetzen hormoneller Verhütungsmittel so dringend benötigt? Wie kann man einer Frau Mitte 20 dann verübeln, dass sie keine Ahnung hat, was Zervixschleim ist?

Aufklärung beim Gynäkologen

Eigentlich logisch, dass Gynäkologen die richtigen Ansprechpartner für dieses in der Schule verpasste Wissen sind, oder? Fehlanzeige. Gynäkologen haben für Aufklärungsunterricht keine Zeit. Es ist eigentlich auch nicht ihr Job, denn sie sind Ärzte. Wenn ich also als Jugendliche das erste Mal zum Frauenarzt gehe, wird mir auch da nicht wirklich erklärt, was mit meinem Körper passiert. Leider wird in den meisten Fällen auch nicht richtig über alle Verhütungsmethoden aufgeklärt, und so landet man doch sehr schnell bei der Pille. Und das nicht nur wegen ihrer verhütenden Wirkung, sondern auch, weil sie die Wunderwaffe für alle pubertären Probleme ist. Hallo Pille, Ciao Pickel, Happy Welcome neue Brüste und Tschüss Unterleibsschmerzen. Und das führt mich auch schon zum nächsten Problem.

Hallo Pille, Ciao Zykluswissen!

Der Zeitpunkt der ersten Einnahme der Pille ist auch meist der Zeitpunkt, an dem Frau aufhört, sich über ihren Zyklus, ihre Fruchtbarkeit und ihren Körper Gedanken zu machen. Das braucht sie ja auch nicht mehr. Für Verhütung ist gesorgt und der eigene natürliche Zyklus abgeschaltet. Ein super getackteter, regelmäßiger „Zyklus“, keine normale Periode, natürliche Zyklusphasen und somit logischerweise auch keine Zervixschleim- oder Muttermundveränderungen.

Gerade Frauen, die früh mit der Einnahme der Pille begonnen haben und sie in ihren Zwanzigern absetzen, haben absolut keinen Plan von ihrem Körper. Welche Hormone werden da eigentlich gebildet? Was zur Hölle ist dieser „Ausfluss“ auf einmal? Wieso bekomme ich meine Periode nicht mehr pünktlich alle 28 Tage?

Es ist auch für mich mehr als erschreckend, wie wenig manche Frauen über ihren Körper wissen. Verübeln kann ich es ihnen aber nicht. Alles was ich tun kann ist, zu versuchen, meinen Beitrag zur Aufklärung zu leisten und ihre Wissenslücken zu füllen.

 

Statt also absolut sinnbefreit rumzumeckern und Frauen zurück zur Pille zu drängen, sollten die Medien sich lieber mal mit der fehlenden Aufklärung beschäftigen. Dafür eine Lösung zu finden, das wäre mal produktiv!

Ladies, zurück auf die Schulbank!

Tut mir, eurem Partner und am allerwichtigsten euch selbst den Gefallen und informiert euch! Informiert euch über die Abläufe in eurem Körper, euren Zyklus und dessen Phasen, eure körpereigenen Hormone und auch um natürliche bzw. hormonfreie Alternativen! Euch stehen so viele tolle natürliche und hormonfreie Verhütungsmöglichkeiten zur Verfügung. Angefangen bei den Kupfervarianten über NFPDiaphragmen bis hin zu Zykluscomputern oder der Unterstützung durch Apps. Alles was ihr tun müsst, ist euch zu informieren und die für euch passende Wahl zu treffen.

Wenn ihr in der ersten Zeit nach dem Absetzen der Pille noch nicht wisst, wie ihr in Zukunft verhüten möchtet, dann benutzt Kondome! Aber auch hier ist das Wissen über die richtige Anwendung und Größe unglaublich wichtig, um wirklich sicher verhüten zu können!

 

Wo kann ich mich informieren?

Möchtet ihr euch über die möglichen hormonfreien Verhütungsalternativen informieren, sollte die erste Anlaufstelle im besten Fall ein Gynäkologe sein. Achtet bei der Wahl eures Gynäkologen darauf, dass er sich mit hormonfreien Verhütungsmitteln und -methoden auskennt. Diese Info findet ihr meistens schon auf der Praxis-Webseite. Falls ihr keinen geeigneten Gynäkologen in eurer Umgebung findet, schaut doch mal bei ProFamilia vorbei. Auch dort gibt es ganz tolle Beratungen.

Solltet ihr euch insbesondere für die Symptothermale Methode interessieren, schaut mal auf den Webseiten der Arbeitsgruppe NFP vorbei. Dort gibt es nicht nur viele Informationen, sondern auch NFP-Berater, die man aufsuchen kann.

 

Lesen, lesen und noch mehr lesen!

Es gibt so viele tolle Bücher, in denen alle Informationen zu finden sind, die wir Frauen wirklich dringend brauchen. Ich möchte euch hier gerne meine Favoriten auflisten, die euch hoffentlich ein Stück weiterhelfen.

ByeBye Pille

Dieses Buch habe ich genau aus diesem Grund geschrieben. Es finden sich in dem eBook bzw. Buch nicht nur hilfreiche Tipps, um nach dem Absetzen der Pille möglichst wenige Probleme wie Haarausfall, Pickel oder PMS zu bekommen, sondern auch alle wichtigen Informationen zum weiblichen Zyklus, dem endokrinen System und auch alles zu natürlicher bzw. hormonfreier Verhütung.

Verhüten ohne Hormone von Dr. Dorothee Struck

Dr. Dorothee Struck ist die Queen der natürlichen Verhütung. In ihrem Buch findet sich wirklich jede Form der hormonfreien Verhütung, und alle sind sehr ausführlich erklärt. Ganz besonders interessant für Frauen, die sich für eine der Kupfervarianten interessieren, denn auf diese Thematik ist sie sehr tief eingegangen. Es finden sich Beschreibungen aller Formen der Kupferspiralen inkl. Kupferkette und Kupferball. Für wen ist welche Variante geeignet? Wie werden sie eingesetzt? Wie viele Größen und Formen gibt es? All das findet man in diesem Buch.

Ebbe und Blut

Ein ganz tolles Buch rund um den weiblichen Körper. Jede Menge Informationen zu allen weiblichen Lebensphasen, den Zyklusphasen, Hormonen, Menstruation und sogar über verschiedene Krankheitsbilder. Von Zyklusstörungen über PMS und PCOS bis hin zu Endometriose ist wirklich alles dabei. Zudem ist es auch noch sehr „frei Schnauze“ geschrieben, was es wirklich leicht verständlich und sehr sympathisch macht. Ich mag dieses Buch wirklich sehr.

Natürlich und Sicher

Natürlich und Sicher ist das NFP-Buch schlechthin. Da das Wissen um den weiblichen Zyklus, den Eisprung und die Fruchtbarkeit zur Anwendung der natürlichen Familienplanung bzw. Symptothermalen Methode zwingend notwendig ist, wird auch in diesem Buch viel darüber geschrieben. Zusätzlich enthält es natürlich auch alles wichtige zur Anwendung der Methode sowie alle Regeln, um NFP zu erlernen.

ByeBye Pille

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Über die Autorin dieses Artikels

Isabel ist Gründerin von Generation Pille und Autorin des Buches "ByeBye Pille". Ziel der Seite und jedem einzelnen Beitrag ist es, Frauen zu helfen, ihren Körper besser zu verstehen, Symptome zu deuten und sowohl körperliche als auch hormonelle Zusammenhänge zu begreifen. Der Fokus ihrer Beiträge liegt hierbei ganz klar auf den Themengebieten Frauengesundheit, Hormone, hormonelle Beschwerden und natürliche Verhütung. Fragen oder Anregungen kannst du gerne persönlich per Mail an isabel@generation-pille.com schicken.   

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