Der Berufsverband der Frauenärzte e. V. ließ am 07.03.2018 in einer Pressemitteilung mit dem Titel „Alarmierende Zunahme von Schwangerschaftsabbrüchen“ verlauten, dass die Abtreibungszahlen in Deutschland seit 2015 wieder steigen. Natürlich werden für solche negativen Veränderungen immer Ursachen und Verantwortliche gesucht. Was läge da näher, als die offene Kritik an hormonellen Verhütungsmitteln, die ehrliche Kommunikation der Nebenwirkungen und die Unfähigkeit der Frauen, natürlich zu verhüten, in die Mangel zu nehmen?!

In Österreich gab es bereits letztes Jahr ähnliche Zahlen und auch die damit einhergehende Diskussion. Nun gibt es die offiziellen Zahlen auch für Deutschland, die Hexenjagd kann also beginnen. Selbstverständlich werden für solche Veränderungen immer Schuldige gesucht. Der Berufsverband der Frauenärzte hat für die steigenden Abtreibungszahlen in Deutschland gleich mehrere Begründungen parat. Natürlich liegt die Schuld keinesfalls an der schlechten Beratung und fehlenden Empathie der Gynäkologen.

2,5 % mehr Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 2017

Die alarmierende Zunahme der Schwangerschaftsabbrüche, von der wir hier sprechen, liegt bei 2,5 % im Vergleich zum Vorjahr. Alarmierend wohl deshalb, weil es in letzten Jahren eigentlich einen kontinuierlichen Rückgang gab. Beispielsweise gab es 2001 noch über 130.000 registrierte Schwangerschaftsabbrüche, im Jahr 2016 hingegen nur noch knapp 98.700. Absolut verständlich, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn diese Zahlen nach der eigentlich positiven Entwicklung nun wieder ansteigen. 2017 gab es in Deutschland ca. 101.200 Schwangerschaftsabbrüche.

Die insgesamt 101.200 Abbrüche verteilen sich auf die Altergruppen wie folgt:

  • unter 18 Jahre 3% 3%
  • 18 – 34 Jahre 72% 72%
  • 35 – 39 Jahre 17% 17%
  • 40 oder älter 39% 39%
Den größten Anstieg gab es mit 7 % in der Gruppe der Frauen über 40 Jahre, dicht gefolgt von den Frauen zwischen 30 und 40 Jahren mit knapp 4 % mehr Abbrüchen als im Vorjahr.

Apotheker, Medien und Apps sind schuld!

Für diese besorgniserregende Situation muss es natürlich Schuldige geben, und diese hat der Berufsverband der Frauenärzte in seiner Pressemitteilung auch gleich mitgeliefert. Nach der Theorie des Verbandes lässt sich der schwarze Peter gleich drei Schuldigen zuordnen:

  1. schlecht ausgebildete Apotheker
  2. die bösen Medien, die diese unbegründete Pillenpanik ausgelöst haben
  3. Frauen, die ohne nötiges Wissen natürlich verhüten

Da die Pille danach seit 2015 rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich ist, müssen Frauen dafür nicht mehr ärztlich untersucht werden. Dr. med. Christian Albring, der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, sagt dazu in der Pressemittelung: „Wir haben von Anfang an darauf hingewiesen, dass die Apotheker durch ihre eigene Standesorganisation ungenügend auf diese anspruchsvolle Beratung vorbereitet werden und das zu einer Zunahme unerwünschter Schwangerschaften führen könne.

 

Pillenkritik

Ungefähr im gleichen Zeitraum ging auch die mediale Pillenkritik los. Eine junge Dame verklagte den Pharma-Riesen Bayer aufgrund einer Lungenembolie, die sie durch die Einnahme der Antibabypille erlitt. Die Betroffene warf dem Hersteller vollkommen zu recht vor, dass der Informationspflicht auf dem Beipackzettel nicht richtig nachgegangen wurde. Dieser Gerichtsprozess gab den Anstoß für eine massive mediale Kritik an hormonellen Verhütungsmitteln. Durch die immer lauter werdenden öffentlichen Stimmen und die offene Kommunikation über Risiken, Nebenwirkungen und Folgen, gingen die Verkäufe der oralen Kontrazeptiva seitdem um über 4 % pro Jahr zurück.

Dieser Rückgang bedeutet gleichzeitig auch einen Anstieg der Anwendung natürlicher Verhütung, womit wir gleich zum nächsten Dorn im Auge des Präsidenten des Berufsverbands der Gynäkologen kommen. In der Pressemitteilung wird zwar bestätigt, dass natürliche Verhütung genauso sicher ist wie Pille oder Kupfer, aber offensichtlich traut man das den Frauen nicht zu.

„Sich in die Prinzipien einer hormonfreien, natürlichen Verhütung einzuarbeiten, braucht es einiges an Zeit und Sorgfalt“, äußert Dr. med. Albring in der Mitteilung. Er befürchtet, „dass die meisten Verhütungs-Apps Frauen geradewegs in unerwünschte Schwangerschaften führen.“

Offenlegung der Nebenwirkungen nicht erwünscht!

Ganz offensichtlich ist der Berufsverband der Frauenärzte nicht sonderlich begeistert über die bereits seit zwei Jahren anhaltende öffentliche Kritik an hormoneller Verhütung. Anfänglich ging es hauptsächlich um die durch den besagten Gerichtsprozess angetriebenen Berichte über die erhöhten Risiken, an einer Thrombose oder Lungenembolie zu erkranken. Glücklicherweise hielt die Berichterstattung aber auch darüber hinaus an, so dass immer mehr Nebenwirkungen, Studien und Erfahrungen betroffener Frauen in den Medien besprochen wurden. Selbst Ärzte, darunter auch einige Gynäkologen, kritisierten öffentlich die hormonelle Verhütung und insbesondere die Pille. Für mich persönlich eine wünschenswerte und lange überfällige Entwicklung!

Durch den offenen Umgang mit dieser Thematik wird unglaublich vielen Frauen geholfen. Frauen, die jahrelang unter Beschwerden litten, die ihnen keiner erklären konnte und deren Zusammenhang mit der Pille immer geleugnet wurde, fanden sich auf einmal in den Berichterstattungen wieder. Etliche Betroffene fanden in den Nebenwirkungen der Pille auf einmal die Ursache für ihre diversen Beschwerden und setzten sie dann natürlich auch ab.

Es kann also auf gar keinen Fall ein Fehler sein, offen mit diesen Beschwerden und häufigen Nebenwirkungen umzugehen, denn was wäre die Alternative? Mögliche Nebenwirkungen leugnen, die Medien von der Berichterstattung abhalten und Betroffenen den Mund zu verbieten? Und das alles nur, damit Frauen weiterhin brav die bittere Pille schlucken? Wie kann es denn richtig sein, die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen zu opfern, damit vermeintlich sicher verhütet werden kann? Ehrlich gesagt verstehe ich überhaupt nicht, wie das überhaupt zur Debatte stehen kann.

Liebe Gynäkologen: Wer im Glashaus sitzt…

Es ist faszinierend, dass der Berufsverband der Frauenärzte ausschließlich außerhalb der eigenen Reihen nach Schuldigen für die aktuelle Problematik sucht. Vielleicht wäre es bei dieser „alarmierenden Zunahme der Schwangerschaftsabbrüche“ an der Zeit, sich an die eigene Nase zu greifen. Tatsächlich hätte der Berufsverband im eigenen Kollegium durchaus genug zu verbessern, statt mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Wer, wenn nicht die Gynäkologen, sollten Ansprechpartner für Frauen sein? Und das besonders, wenn es um sichere Empfängnisregelung geht. Leider sind die meisten Frauenärzte aber offensichtlich allergisch gegen jegliche Form der hormonfreien Verhütung. Und wie war das noch gleich mit dem Hippokratischen Eid? Sollte für einen Gynäkologen nicht die Gesundheit und das Wohlbefinden der Patientinnen an erster Stelle stehen?

Wie kann es dann sein, dass offensichtliche Nebenwirkungen von hormonellen Verhütungsmitteln als Einbildung abgetan werden? Wieso werden Frauen mit ihren körperlichen Beschwerden zum Psychiater geschickt? Und warum ist es angeblich nie möglich, dass ein Symptom tatsächlich von der Pille kommen kann? Wie kann es sein, dass Frauen sich nicht trauen, ihrem Gynäkologen „zu beichten“, dass sie die Pille absetzen möchten? Wie konnte sich das Wort „beichten“ in diesem Zusammenhang überhaupt etablieren?

Angst vor Gynäkologen

So lange Frauen Angst vor der Reaktion ihres Gynäkologen haben, weil sie sich die Dreistigkeit erlauben, die Pille absetzen zu wollen (wie können sie nur, macht ja mehr Arbeit), wird es auch weiterhin vermehrt zu Schwangerschaftsabbrüchen kommen. Warum? Ganz einfach, weil Frauen der Ansprechpartner fehlt! Genauso verhält es sich mit der fehlenden Empathie und Beratung bzgl. hormonfreier oder natürlicher Verhütung. Es ist einfach ein Unding, dass eine Frau erst 4 – 5 Arztpraxen abklappern muss, bevor sie einen Frauenarzt findet, der sich die Zeit nimmt, ihr die Alternativen zur gängigen hormonellen Kontrazeption zu erklären. Eine weitere Zumutung sind Ärzte, die ihren Patientinnen mit gruseligen Unwahrheiten Panik machen, um sie vom Absetzen abzuhalten.

„Sie können die Pille nicht absetzen, Ihr Körper braucht die enthaltenen Hormone!“
„Es gibt keine sichere Verhütung ohne Hormone!“
„In einem halben Jahr betteln Sie, die Pille wieder nehmen zu dürfen, wenn Sie erstmal Pickel, Haarausfall und schmerzhafte Menstruationskrämpfe haben!“
Das sind nur ein paar Beispiele, die sich Patientinnen teilweise anhören müssen. Termine, die so verlaufen, sind absolut keine Seltenheit. Wie kann ein Mediziner seine Patientin absichtlich nur so verunsichern? Lernt man das so im Medizinstudium?

Auf der Suche nach Alternativen…

Auch die Suche nach einem Gynäkologen, der Kupferspiralen, -ketten oder -bälle legt, stellt Frauen vor eine riesige Herausforderung. Offensichtlich scheinen Kupferspiralen nämlich grundsätzlich zu groß für die Gebärmütter aller „Nicht-Mütter“ zu sein. Die Hormonspirale hingegen passt natürlich in ausnahmslos jeden Uterus. Verblüffend oder? Vergleicht man die Größe einer Hormonspirale mit der einer Kupferspirale, erkennt man mit bloßem Auge schon, dass das nicht stimmen kann. Frust, Enttäuschung und der Verlust des Vertrauens zu diesen so wichtigen Fachärzten sind die Folge.

Jeder Gynäkologe, der sein Wissen ein bisschen auffrischen möchte, darf gerne mal zur Weiterbildung bei Dr. Dorothee Struck vorbeischauen. An dieser vorbildlichen Kollegin könnte man sich übrigens auch beim Thema Diaphragma und NFP ein Beispiel nehmen.

Prävention ist die Lösung!

Meiner Meinung nach ist der einzige Grund für die vermehrten Schwangerschaftsabbrüche in den letzten beiden Jahren, dass Frauen komplett im Regen stehen gelassen werden, sobald sie nicht mehr hormonell verhüten wollen. Daran sollte gearbeitet werden! Prävention ist das Zauberwort. In dem Moment, in dem der Frauenwelt genügend Informationen, ausführliche Beratung und kompetente Unterstützung bei der hormonfreien Verhütung angeboten wird, werden auch die Zahlen der Schwangerschaftsabbrüche wieder sinken!

Wäre es also nicht sinnvoller zu überlegen, wie man vorbeugen kann, statt Apotheker, Apps, Medien und die Unwissenheit der Frauen zu kritisieren?

Meiner Meinung nach wäre es der intelligentere Weg, aus alten Fehlern und der Geschichte zu lernen. Es gab durchaus schon die ein oder andere Phase in den letzten Jahrzehnten, in denen sich Frauen von hormoneller Verhütung abgewandt haben. Schon damals wurden Nebenwirkungen geleugnet, natürliche Verhütung schlecht geredet und die Frauen im Stich gelassen. Statt sich auf diese Entwicklung einzulassen und sie zu begrüßen, wurden einfach fleißig weiter neue Präparate auf den Markt gebracht.

Der kleine aber feine Unterschied zu der Situation damals sind die Informationen, die uns heute zur Verfügung stehen. Literatur, Studien, das Internet. Dieses Mal lassen sich Nebenwirkungen nicht mehr ignorieren und weglächeln. Dieses Mal stehen uns Alternativen zur Verfügung, und dieses Mal lassen sich Frauen nicht mehr für blöd verkaufen.

Liebe Gynäkologen…

die Zahl der Frauen, die hormonfrei verhüten möchten, wird steigen. Diese Entwicklung geschieht, und es wäre sehr schön, wenn Sie ein Teil davon wären. Jetzt ist es also Ihre Entscheidung, ob Sie mitziehen oder sich weiter von Ihren Patientinnen abwenden.

Es wäre durchaus eine Überlegung wert, folgende drei Punkte ergänzend in Ihren Praxisalltag zu integrieren.

1. Beratungen zu hormonfreier Verhütung

Statt Frauen zu kritisieren, die nicht mehr hormonell verhüten möchten, und ihnen ungefragt immer wieder hormonelle Alternativen anzubieten, wäre es toll, wenn Sie sie begleiten würden. Eine ausführliche Beratung über alle hormonfreien Alternativen, angefangen bei den Kupfervarianten über Diaphragma bis hin zur symptothermalen Methode, sollte das Ziel sein. Helfen Sie Ihren Patientinnen, die für sie passende Methode zu finden! Wenn Sie selbst keine Lust, Zeit oder Kompetenz besitzen, die Spirale zu legen, ein Diaphragma anzupassen oder diese Art der Beratung zu führen, dann schicken Sie doch die Patientin einfach zu einem Kollegen, der das gerne macht!

2. NFP-Kurse

Bieten Sie endlich NFP-Kurse an. Die Liste der NFP-Berater in Deutschland ist leider sehr überschaubar. Könnten Frauen bei ihrem Gynäkologen einen Kurs machen, würden sie das sicherlich auch wahrnehmen und wahrscheinlich sogar Freudensprünge machen! Mit solchen Kursen in Ihrer Praxis bräuchten Sie dann auch nicht mehr zu befürchten, dass fragwürdige Apps oder unzureichendes Wissen zu ungewollten Schwangerschaften führen. Sollten Sie selbst als Arzt keine Zeit für solche Kurse haben, suchen Sie sich eine Beraterin für die Praxis oder schicken Sie Ihre Sprechstundenhilfen bzw. Arzthelferinnen zu einer Ausbildung.

3. Vorträge und/oder Beratung zur Pille danach

Frauen wollen diese Informationen! Es wäre doch großartig, wenn sich Patientinnen nicht ausschließlich auf die Informationen der Apotheker verlassen müssten, sondern auch selbst verstehen, wann welche Form der Notfallverhütung in Frage kommt, wann diese überhaupt notwendig ist, wann auch eine Pille danach nicht mehr greift und dass es beispielsweise auch eine Notfallverhütung mit Kupfer gibt. Es würde für den Anfang schon ausreichen, wenn Frauen ihren Zyklus so weit verstehen würden, dass sie den Apothekern die richtige Auskunft zu Zyklustag oder letzter Blutung geben könnten.

Im besten Fall würden diese Maßnahmen aber auch dazu führen, dass die Notfallverhütung erst gar nicht mehr so häufig benötigt wird. Wir Frauen sind nämlich tatsächlich intelligente Wesen und durchaus in der Lage, auch ohne Hormone zu verhüten. Allerdings brauchen wir dazu eben auch die richtige Beratung. Erst wenn diese nicht gegeben ist, kommt es zu Fehlern und somit auch zu ungewollten Schwangerschaften.