Die Stiftung Warentest ist, wie der Name schon sagt, bekannt dafür, alles zu testen, was nicht niet- und nagelfest ist. Grundsätzlich eine gute Sache, weil sie dadurch in vielen Fällen wirklich nützliche Informationen für die Verbraucher zur Verfügung stellen. Allerdings lassen die Testverfahren und somit auch die Ergebnisse in manchen Bereichen viel Raum für Diskussionen. So auch bei der am 21.11.17 erschienenen Bewertung von Zyklus-Apps.

Als ich gehört habe, dass die Stiftung Warentest Zyklus-Apps testet, war mein erster Gedanke „Großartig! Das Thema scheint immer relevanter zu werden. Hoffentlich finden so noch mehr Mädels zur natürlichen Verhütung!“. Selbstverständlich habe ich mir den vollständigen Bericht sofort gekauft, um mir die getesteten Apps, das Testverfahren und die Ergebnisse genauer anzuschauen. Das war dann auch der Zeitpunkt, an dem mich meine Euphorie verlassen hat.

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH myNFP

First things first. Worüber ich mich natürlich riesig gefreut habe, war der absolut berechtigte Sieg von myNFP! Diese App und auch die dazugehörige Webseite inkl. Forum gibt es schon wirklich lange, und Christian Maas arbeitet an der stetigen Weiterentwicklung mit seinem ganzen Herzblut. Nach so langer Zeit und viel Arbeit diese Anerkennung zu bekommen, ist fantastisch und absolut überfällig gewesen.

Also lieber Christian, für dich feiere ich gerade innerlich eine kleine Party. 😉

An dieser Stelle endet aber auch schon alles Positive, denn tatsächlich habe ich das ein oder andere „Problemchen“ mit den Ergebnissen dieses Tests. Wieso, weshalb und warum? Darauf gehen wir jetzt mal im Detail ein.

 

Auswahl der Apps im Test

Das ist für mich schon der erste Kritikpunkt. Meiner Meinung nach wurden hier Äpfel mit Birnen verglichen, und das ist weder wirklich aussagekräftig noch sinnvoll. Zyklus-Apps gibt es wie Sand am Meer, und eigentlich ist das auch mehr ein Überbegriff. Unter diesen Begriff fallen zum Beispiel Menstruationskalender, Eisprungrechner sowie Apps zur Symptothermalen Methode oder auch Verhütungsapps, die nur anhand der Temperatur auswerten. Nur ein winziger Bruchteil der in den App-Stores verfügbaren Apps sind überhaupt dafür entwickelt, sie zur Kinderwunschplanung oder zur natürlichen Verhütung zu nutzen.

Genau aus diesem Grund hatte ich vor einiger Zeit auch einen Beitrag dazu geschrieben, worauf man bei der Auswahl einer solchen App achten muss. Selbst innerhalb der verschiedenen Apps, die für die Verhütung entwickelt wurden, gibt es Unterschiede. Einige arbeiten mit eigenen Algorithmen, einige nach dem Regelwerk der NFP AG und wieder andere nach dem Regelwerk des amerikanischen Pendants.

Die Stiftung Warentest hat genau diese verschiedenen Varianten alle in einen Topf bzw. in einen Test geschmissen!

Das Kriterium für die Auswahl vieler Apps im Test war eine möglichst hohe Anzahl an Android-Installationen laut Google Playstore sowie die Verfügbarkeit für iOS. Die anderen Apps wurden exemplarisch ausgewählt, da sie nach eigenen Angaben zum Beispiel auf der sympto-thermalen Bestimmungs­methode für die frucht­baren Tage beruhen. {…}“ heißt es auf der Webseite.

Das ist ein bisschen so, als würde man einen Test zu Mobilfunkgeräten machen und ein iPhone 7 mit einem alten Nokia 3210 vergleichen. So finden sich in der Liste neben dem klaren Sieger „myNFP“ auch Apps wie „Mein Perioden Tracker„. Absolut kein Wunder also, dass von den 23 getesteten Apps der Großteil für die Füße ist und das den Gesamteindruck vollkommen negativ aussehen lässt. Deshalb kommt die Stiftung Warentest – Oh Wunder! – auch zu dem Schluss, dass das Ergebnis ernüchternd ist.  „Nur zwei Android-Apps und eine iOS-App sind gut. Das Problem: Die meisten bestimmen die frucht­baren Tage und die Regel­blutung nicht zuver­lässig.“

Das hätte ich beim Überfliegen der Liste auch ohne Test schon sagen können.

Bei iOS nur „vier“ relevante Apps

Bricht man die getesteten Apps auf die herunter, die tatsächlich relevant sind, kommen wir schon nur noch auf vier. Allerdings unterscheiden sich auch diese sehr, da man meiner Meinung nach auch keine App für die Temperaturmethode mit einer App für die Symptothermale Methode vergleichen kann. Beide Methoden unterscheiden sich in ihrer Sicherheit maßgeblich – und das auch schon ganz ohne App.

Da waren es also nur noch drei…

Natural Cycles ist für mich auch aus dem Spiel, weil diese App die Fruchtbarkeit nur mit der Temperatur „bestimmt“. Die drei Apps, die dann noch übrig bleiben sind myNFP, Ovy und Lily.

myNFP

Da für myNFP das Ergebnis glücklicherweise sehr gut ausgefallen ist, möchte ich hier nur eine Kleinigkeit anmerken. Trotz des guten Urteils wurde der Funktionsumfang bemängelt und als „befriedigend“ empfunden. Glücklicherweise hat es dem Gesamturteil nicht geschadet, aber überflüssig finde ich es trotzdem. Denn was muss eine komplett NFP-Konforme App denn haben, außer das, was man sonst auch auf sein Zyklusblatt schreiben würde? Nichts. myNFP hat alle Funktionen, die für die Anwendung von NFP nach Sensiplan notwendig sind und ist für Frauen gedacht, die diese Methode bereits erlernt haben.

Übrigens gibt es die myNFP App, so wie sie getestet wurde, mittlerweile nicht mehr. Die App wurde erneuert und ist jetzt im App-Store unter „myNFP Mobile“ zu finden. Die alte Version ist nicht mehr erhältlich, kann aber noch weiter genutzt werden, wenn man sie schon hat.

Ovy

Die App Ovy ist meiner Meinung nach völlig zu Unrecht so schlecht beurteilt worden. Eines dazu erstmal vorab: Ovy wurde kurz nach dem Launch der App getestet. In dem Artikel der Stiftung Warentest wird impliziert, Ovy würde den Eisprung „vorhersagen“, statt ihn anhand der eingegebenen Parameter zu bestimmen. Es liest sich, als wären falsche Versprechen zur Sicherheit gemacht worden. Beides falsch wie ich finde, denn Ovy hat zu Beginn mit einem eigenen Algorithmus gearbeitet, der sich lediglich an dem Regelwerk der NFP AG orientierte. Auch in ihrer Kommunikation haben sie bewusst von „Zyklus verfolgen“ gesprochen, um keine falschen Versprechen abzugeben und auch nur von einer „Chance auf Schwangerschaft“ geredet.

Die getestete Version existiert nicht mehr…

Das veröffentlichte Testergebnis von Ovy ist eigentlich komplett wertlos. Die getestete Version gibt es schon lange nicht mehr, da die beiden Gründerinnen stets alles daran setzen, sich weiterzuentwickeln. Seit dem Update 1.4 ist die App komplett NFP-Regelkonform, was die Bestimmung der fruchtbaren Tage betrifft. „Seitdem ist die Ovy-App so aufgebaut, wie es die symptothermale Methode (NFP) vorsieht„, sagt auch Lina, eine der beiden Gründerinnen in ihrem Statement auf Facebook.

NFP-Regeln im Ovy-Algorithmus

  • Regel 1: Zyklusbeginn
  • Regel 3: 5-Tage-Regel
  • Regel 4: Temperatur
  • Ausnahmeregel 1: Temperatur
  • Ausnahmeregel 2: Temperatur
  • Regel 5: Zervixschleim
  • Sonderregel 2: Zervixschleim
  • Sonderregel 3: Zervixschleim
  • Regel 6: MuMu
  • Regel 7: Nach dem Eisprung

 

Im nächsten Update folgen noch:

  • Post-Pill-Modus ​​(Algorithmus)
  • Regel 2: Minus-8-Regel ​(Algorithmus) ​
  • Sonderregel 1: Minus-20-Regel ​(Algorithmus) ​
  • Mittelschmerz (Dokumentation)
  • Brustsymptom​ (Dokumentation)

 

 

Lily

Auch die App Lily hat ihr Fett weg bekommen. An Lily wurde die „Qual der Wahl“ bemängelt. Sprich: Es ist offensichtlich ein negativer Aspekt, dass man bei Lily aus mehreren Methoden wählen kann. Da die App nicht nur auf dem deutschen Markt zu haben ist, sondern auch in den Staaten, kann man sich als Nutzer zwischen drei Methoden entschieden:

1. Auswertung mit Durchschnittswerten (Kalendermethode)

2. Fertility Awareness Method bzw. Natural Family Planning (FAM/ NFP USA)

3. Natürliche Familienplanung (NFP Deutschland)

Wie ich schon mal ausführlich berichtet hatte, sind zwar die Regeln in der deutschen Variante des Algorithmus NFP-orientiert, aber dennoch sind die Eingabemöglichkeiten sehr amerikanisch angehaucht. Beispielsweise ist bei der Schleimauswertung die Qualität des Zervixschleims auf vier Stufen beschränkt (nichts, niedrig, mittel und hoch) statt der fünf (eigentlich sechs) Stufen bei der AG NFP, den Entwicklern von Sensiplan.© Diese Schleimauswertung ist der amerikanische Standard.

 

Dazu mehr in diesem Artikel

Für mich ein Vorteil und kein Nachteil

Diesen Kritikpunkt verstehe ich absolut nicht. Laut der Stiftung Warentest ist diese Auswahl an Methoden in der Lily-App „unpraktisch und unsicher“. Ich finde diese Vielfalt aber sehr gut! Tatsächlich fühle ich mich im Namen der Frauenwelt ein bisschen beleidigt, denn indem diese Auswahlmöglichkeit als unpraktisch deklariert wird, unterstellt man uns Frauen doch unterschwellig, dass uns dieses Angebot überfordert. Als wären wir nicht in der Lage, zwischen NFP und FAM oder der Kalendermethode zu unterschieden. Das führt mich auch gleich zum nächsten Punkt!

Man fährt auch nicht ohne Führerschein!

Wenn man sich als Frau dafür entschieden hat, natürlich und ohne „Hilfsmittel“ wie der Spirale oder den gängigen hormonellen Varianten zu verhüten, sollte man auch wissen, wie das funktioniert! Man fährt ja auch nicht ohne Führerschein mit einem Auto durch die Gegend und hofft, dass man nicht gegen den nächsten Baum fährt.

Egal ob mit Zyklusblatt und kompletter Selbstauswertung, einer App oder einem Zykluscomputer: Frau muss zu jeder Zeit wissen, was sie tut. Genau das wissen zumindest die Frauen, mit denen ich zu tun habe, inkl. meiner unglaublich intelligenten Leserinnen, sehr genau! Der Test der Stiftung Warentest impliziert aber für mich, dass uns Frauen unterstellt wird, wir wüssten es eben nicht, würden uns blind auf Apps verlassen und keinen Unterschied zwischen einem Menstruationskalender und einer App zur Symptothermalen Methode erkennen. Das macht mich ein bisschen wütend!

Falls es tatsächlich einer Frau noch nicht bewusst war…

…bitte macht euch schlau, bevor ihr auf natürliche Verhütung setzt. Auch eine App oder ein Zykluscomputer funktioniert trotz super Algorithmus nur dann, wenn ihr die benötigten Daten auch richtig eingebt. Und dafür müsst ihr einfach wissen, wie es funktioniert. Falls ihr also nicht wisst, worauf es bei der Messung der Basaltemperatur ankommt, wie ihr den Zustand eures Zervixschleims richtig deutet oder den Muttermund abtastet, dann erlernt es bitte, bevor ihr euch auf diese Form der Verhütung verlasst!

Über die Autorin dieses Artikels

Isabel ist Gründerin von Generation Pille und Autorin des Buches "ByeBye Pille". Ziel der Seite und jedem einzelnen Beitrag ist es, Frauen zu helfen, ihren Körper besser zu verstehen, Symptome zu deuten und sowohl körperliche als auch hormonelle Zusammenhänge zu begreifen. Der Fokus ihrer Beiträge liegt hierbei ganz klar auf den Themengebieten Frauengesundheit, Hormone, hormonelle Beschwerden und natürliche Verhütung. Fragen oder Anregungen kannst du gerne persönlich per Mail an isabel@generation-pille.com schicken.   

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